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Das Lebensrad 1

Das Medizinrad des Lebens führt uns Schritt für Schritt im Kreis. 30 Jahre dauert eine Runde.

Ich möchte ein Bild zeichnen, um mehr Verständnis in das Lebensrad zu bringen.

Stellen Sie sich dafür folgendes vor. Jemand läuft 30 Jahre im Kreis. Hin und wieder bleibt die Person stehen und sammelt die Dinge auf, die ihre Aufmerksamkeit erregen. Alles kommt in den großen Sack, den diese Person auf dem Rücken trägt. Die Landschaft ist eben, wodurch eine scheinbar unendliche Weite entsteht. Wenn diese Person nach vorne auf seine Zukunft schaut, so wird diesem Menschen klar, dass Zukunft ganz, ganz weit weg liegt und es unendlich viel Zeit gibt.

Der Rucksack wird voll und schwer. Das Gehen des Weges wird mühsamer. Hin und wieder lässt die Person etwas aus dem Rucksack auf dem Weg fallen. Über die leichten Gegenstände wächst Gras. Leichte Hügel entstehen hinter der Person. Die schweren Gegenstände, welche aus dem Rucksack entfernt werden, liegen als Steine auf dem Weg hinter diesem Menschen.

Wenn diese Person nach hinten schaut, was nicht oft vorkommt, so sieht sie die zurückgelassenen Dinge liegen, die sich mit der Zeit verändern. Die Person denkt, mit der Zeit wächst über alles Gras, um den Dreck von gestern muss ich mich nicht kümmern.

Von einigen Dingen kann sich unser Wanderer aber nicht trennen. Er behält sie bei sich, obwohl der Rucksack voll und schwer ist. Gleichzeitig nimmt er weitere Dinge auf, die auf seinem Lebensweg liegen.

Unsere Person kennt diese Landschaft noch nicht. Alles ist neu. Er oder sie geht den Weg zum ersten Mal.

Nach 30 Jahren kommt diese Person an einen Ort, der irgendwie bekannt erscheint. Das erste Mal ruht die Person für längere Zeit aus. Unser Wanderer hat etwas Zeit für sich und schaut sich den Inhalt seines Rucksackes an. Er sortiert aus, räumt um und stapelt neu, bis die Dinge, die der Wanderer weiterhin behalten möchte, gut geordnet in seinem Rucksack verstaut sind. Die Sachen, die liegen bleiben, werden wieder zu Steinen und zu Hügeln.

Trotz der aussortierten Gegenstände bleibt der Rucksack voll. Deshalb beschließt der Wanderer noch ein weiteres Gepäckstück mitzunehmen, als er seinen Weg fortsetzt. Wieder wandert die Person 30 Jahre. Die Landschaft wirkt irgendwie vertraut und dennoch ist sie neu. Unser Wanderer kommt jetzt durch eine Landschaft, die aus sanften Hügeln und Steinen besteht.

Wie bereits in der ersten Runde, sammelt die Person unterwegs Dinge ein und verstaut sie in dem zweiten Gepäckstück. Der Weg ist etwas beschwerlicher als bei der ersten Runde, durch das leichte auf und ab der Landschaft. Die Gegend ist weniger weit, der Weg durch Steine und Hügel zeitweise unüberschaubar.

Wenn unsere Person jetzt nach vorne in die Zukunft schaut, kann sie längst die unendliche Weite nicht mehr erkennen. Dafür sieht sie aber deutlich, dass der Weg nach vorne begrenzt ist und viel kürzer als gedacht.

Wenn die Person nach hinten in die Vergangenheit schaut, was immer und immer öfter vorkommt, so wird der Person schmerzlich bewusst, wieviel eigene Altlasten in der Seelenlandschaft liegen. Und obwohl unser Wanderer wieder und wieder zurückschauen muss, will er nicht klar sehen, weshalb sich sein Blick immer mehr trübt.

Doch die Lebenswanderung geht weiter. Schritt für Schritt geht der Lebenswanderer durch sein Leben.

Wieder werden Dinge aussortiert. Hinter dem Wanderer verändert sich die Landschaft erneut. Aus den sanften Hügeln werden unterschiedlich große Berge. Aus den Steinen entstehen große Felsen.

Wieder werden Dinge aufgesammelt und auch das zweite Gepäckstück füllt sich.

Am Ende dieser Runde ist unser Wanderer völlig erschöpft. Eine Lebenskrise zwingt ihn zum Ausruhen. Entweder hat er ein körperliches Gebrechen oder er hat Burnout. Wenn es ganz schlimm ist, mit unserer Person, so hat sie beides... Körperliches Weh und einen seelischen Zusammenbruch.

Trotzdem rappelt sich unsere Person wieder auf, getrieben von innerer Unruhe. Mühsam schleppt sich der Wanderer vorwärts auf dem Weg durch sein Leben. Der Rucksack bekommt langsam Löcher. Anfangs verliert der Wanderer nur hin und wieder etwas aus dem Lebenssack. Doch mit der Zeit fällt immer mehr heraus.

Weiterhin sammelt die Person Dinge vom Wegesrand. Wieder hat sich die Landschaft verändert. Unser Wanderer geht nun durch ein Hochgebirge. Große Felsen liegen auf dem Weg, die umrundet werden müssen, bevor es weitergeht. Die Luft ist dünn, die Landschaft unübersichtlich. Bei jedem Schritt ist Achtsamkeit geboten. Schweren Schrittes und mit übervollem Gepäck schleppt sich der Wanderer vorwärts.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie diese Geschichte weiter geht.

Möglichkeit A:

Irgendwann bricht irgendwo auf dem Lebensweg diese Person zusammen. Sie ist einfach gestorben, ohne je die Schönheit des Lebens auskosten zu können. Um das Leben als schön empfinden zu können, hätte das Lebensgepäck leichter sein müssen und die Lebenslandschaft hätte leichter begehbar sein dürfen. Der Wanderer hätte mehr Zeit gebraucht, mehr Kraft und mehr Klarheit.

Möglichkeit B:

Der zähe Wanderer geht gebeugt weiter. Seine Schritte werden kleiner. Durch den gebeugten Rücken, kann er nur noch den Schritt vor sich erkennen. Weitblick auf die Landschaft ist nicht möglich. Hin und wieder blickt sich unsere Person um.

Ein nebliger Schleier überzieht die Vergangenheit. Manchmal lüftet sich der Nebel für kurze Zeit, aber ehe der Wanderer sich ein Bild von der Vergangenheit machen kann, ist sie wieder in Nebel getaucht.

Der Wanderer weiß nicht mehr, warum er wandert. Er weiß nicht wohin die Reise geht, wieso er sie angetreten hat und er weiß nicht, was gestern war.

Nach und nach vergisst der Wanderer, wer er ist. Doch er wandert weiter, aus Gewohnheit vielleicht.

Längst haben sich jüngere Menschen zu dem Wanderer gesellt. Sie helfen, wo sie können und ermutigen den Wanderer noch einige Zeit zu gehen.

Aber wohin? Und warum?

Diese Fragen bleiben offen.

Irgendwann stirbt der Wanderer.

Und die jüngeren Leute haben von ihm gelernt, dass das Leben im Alter beschwerlich ist und dass wir wohl alle diesen Weg gehen müssen.

Aber stimmt das wirklich? Geht es nicht auch anders? Geht es leichter, freudiger, bewusster?

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